CDU und SPD haben ihren Koalitionsvertrag als „Düren neu denken“ vorgestellt. Beim Blick auf die Verkehrspolitik sehen wir jedoch eher ein „weiter so“ in Richtung Autoverkehr – zulasten eines sicheren und attraktiven Radverkehrs. Mehrere aktuelle Anträge der neuen Koalition bestätigen diese Sorge.
Im Folgenden unsere Einschätzung: Hier droht eine Rolle rückwärts.
1. Koalitionsvertrag: „Mobilität für alle“ – Radverkehr nur am Rand?
Im Koalitionsvertrag betonen CDU und SPD, sie wollten „Mobilität für alle“, Wahlfreiheit der Verkehrsmittel und eine Innenstadt, die aus dem Umland mit allen Verkehrsmitteln gut erreichbar bleibt.126 Gleichzeitig werden vor allem folgende Punkte hervorgehoben:
- Aachener Straße soll neu gestaltet, ohne dass klare Verbesserungen für den Radverkehr benannt werden.
- Geplante Radvorrangrouten sollen überarbeitet werden.
- Die Innenstadt soll „gut erreichbar“ bleiben – ein Begriff, der in der Praxis meist den Kfz-Verkehr priorisiert.
Bereits jetzt kritisieren andere Akteure, dass der Vertrag Klimaschutz und sichere Radmobilität kaum adressiert und damit ein Rückschritt droht.3
Unsere Einschätzung:
Im Koalitionsvertrag wird viel von „Wahlfreiheit“ und „Mobilität für alle“ gesprochen. Konkrete, verbindliche Zusagen für durchgehend sichere, breite und direkt geführte Radverbindungen fehlen jedoch. Damit besteht die Gefahr, dass der Radverkehr erneut als Randthema behandelt und im Zweifel zugunsten des Kfz-Verkehrs zurückgestellt wird.
2. Aachener Straße: bereits beschlossene, fortschrittliche Planung soll „autofreundlich“ neu aufgerollt werden
Für die Aachener Straße lag bereits eine weit ausgearbeitete, von der früheren Ratsmehrheit beschlossene Umgestaltungsplanung vor.34 Diese Planung war das Ergebnis eines längeren fachlichen und politischen Prozesses und Teil des Bebauungsplans 1/49, mit dem entlang der Radialachse (u.a. Aachener Straße, Veldener Straße, Philippstraße, August-Klotz-Straße) endlich durchgängige, sichere Radverkehrsanlagen geschaffen werden sollten.
Die Umsetzung wurde nicht aus inhaltlichen Gründen gestoppt, sondern musste wegen einer vorrangigen Kanalsanierung zeitlich verschoben werden. Die Stadt stand kurz davor, auf dieser Hauptachse baulich zu beginnen – inklusive klar definierter Querschnitte zugunsten des Umweltverbundes.
Vor diesem Hintergrund bewerten wir den aktuellen Antrag von CDU und SPD zur „Neuplanung der Umgestaltung Aachener Straße“ als besonders problematisch:
- Die neue Koalition will die bereits abgestimmte Planung grundlegend überarbeiten, obwohl sie fachlich vorbereitet und politisch legitimiert ist.
- Im Koalitionsvertrag wird explizit formuliert, die Sicherheit des Radverkehrs solle erhöht werden, ohne die Leistungsfähigkeit für den motorisierten Individualverkehr zu beeinträchtigen.
- Praktisch bedeutet das: Die Spielräume, die die bisherige Planung für breite, geschützte Radwege und eine Reduktion von Fahr- und Parkspuren eröffnet hatte, sollen wieder zugunsten des Autoverkehrs eingeengt werden.
Damit entsteht der Eindruck, dass die durch die frühere Ratsmehrheit erarbeitete, fortschrittlichere Lösung nicht wegen neuer Erkenntnisse, sondern aus verkehrspolitischer Schwerpunktverschiebung („autofreundlicher“ Zuschnitt) wieder aufgeschnürt wird.
Unsere Kritik im Überblick
- Die Aachener Straße ist eine der wichtigsten Radialachsen Dürens; sie eignet sich gerade deshalb als Leuchtturmprojekt für sichere, direkte Radinfrastruktur.
- Anstatt die verschobene, aber beschlossene Planung nach Abschluss der Kanalarbeiten konsequent umzusetzen, soll nun eine „Neuplanung“ erfolgen, deren Leitplanke „keine Beeinträchtigung des Autoverkehrs“ ist – ein Zielkonflikt, der fast zwangsläufig zu Lasten des Radverkehrs gelöst wird.
- Im Gesamtbild von Koalitionsvertrag und Anträgen (Radvorrangrouten in Nebenstraßen verlagern, Parkraum-Beschlüsse aufheben, Durchfahrtssperre Goethestraße streichen) fügt sich die Aachener Straße ein in ein Muster: Bestehende, relativ mutige Radverkehrsbeschlüsse werden „autofreundlich“ überplant.
Wir halten fest:
Die Aachener Straße hätte auf Grundlage der bereits gefassten Beschlüsse zu einem sichtbaren Schritt Richtung Verkehrswende werden können. Wenn diese Planung jetzt ohne zwingenden Sachgrund wieder aufgeschnürt und unter die Prämisse maximaler Autoleistungsfähigkeit gestellt wird, ist das verkehrspolitisch ein klarer Rückschritt – und ein fatales Signal an alle, die seit Jahren auf eine wirklich sichere Radverbindung entlang dieser Hauptachse warten.
3. Überarbeitung der Radvorrangrouten: Weg von den Hauptachsen
Besonders kritisch sehen wir den Antrag zur „planerischen Überarbeitung des Radvorrangroutenkonzepts mit dem Ziel, Radrouten abseits der Hauptverkehrsrouten zu führen“ (Antrag CDU/SPD, Sitzungsvorlage s. Link im Anhang).
Was auf den ersten Blick nach „Entzerrung“ klingt, bedeutet in der Praxis häufig:
- Verlagerung des Radverkehrs auf Nebenstrecken, Schleichwege und Umwege,
- weniger Sichtbarkeit des Radverkehrs,
- Akzeptanz von Umwegen und längeren Fahrzeiten für Radfahrende, während Hauptachsen dem Kfz-Verkehr vorbehalten bleiben.
Für einen echten Verkehrswandel braucht es das Gegenteil:
- Direkte, durchgehende und gut ausgebaute Radverbindungen entlang der wichtigsten Ziel- und Pendlerachsen,
- klare Prioritäten für sicheren Radverkehr auf Hauptstraßen, insbesondere dort, wo heute Unfälle und Konflikte auftreten.
Radrouten „hinten herum“ mögen für Freizeittouren geeignet sein, sie ersetzen aber nicht die notwendige Infrastruktur für Alltagsradverkehr zur Arbeit, zur Schule und in die Innenstadt
4. Goethestraße: Fahrradstraße ja – aber ohne konsequente Verkehrsberuhigung
Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD wird die Einrichtung einer Fahrradstraße in der Goethestraße ausdrücklich genannt – die ursprünglich vorgesehene Durchfahrtssperre soll jedoch nicht realisiert werden.
- Die Goethestraße ist Teil des städtischen Rad-Vorrang-Routenkonzepts und dort als Fahrradstraße vorgesehen.4
- Eine rechtlich saubere, gut gestaltete Fahrradstraße kann hier eine wichtige Ost–West-Verbindung abseits der Aachener Straße werden.14
- Damit wird ein Anliegen aus früheren ProRad-Vorschlägen aufgegriffen, Alltagsrouten gezielt zu stärken.1
Jedoch: der Verzicht auf Durchfahrtssperre schwächt die Wirkung
- Ohne Durchfahrtssperre bleibt die Goethestraße faktisch eine Strecke für den Kfz-Verkehr; die bloße Umwidmung zur Fahrradstraße reicht erfahrungsgemäß nicht, um den Autodurchgangsverkehr deutlich zu reduzieren. Die Durchfahrtssperre dient auch die Straße für die Anwohner zu beruhigen.
- Das Ziel einer Fahrradstraße – „Vorrang für den Radverkehr“ bei gleichzeitig deutlich reduziertem Kfz-Aufkommen – wird so nur eingeschränkt erreicht.
- Gerade im Radial‑ und Radvorrangkonzept ist die Goethestraße als Teil einer durchgängig komfortablen, ruhigen Route gedacht.14 Ohne wirksame Verkehrsberuhigung bleibt sie für viele unsichere Nutzergruppen (Kinder, Senior:innen) wenig attraktiv.
- Dass CDU und SPD die Fahrradstraße nennen, gleichzeitig aber zentrale flankierende Maßnahme (Durchfahrtssperre) streichen, passt in das Bild des Koalitionsvertrags: Radverkehr wird symbolisch berücksichtigt, strukturelle Eingriffe in den Autoverkehr werden vermieden.5
- Damit droht, dass auch hier ein gut gemeintes Element des Radkonzepts „autofreundlich überplant“ wird und weit hinter den fachlichen Empfehlungen zurückbleibt.
Position des ADFC
- Wir begrüßen ausdrücklich die Einrichtung der Fahrradstraße Goethestraße als wichtigen Schritt.
- Gleichzeitig fordern wir, die Straße so auszugestalten, dass sie ihrem Namen gerecht wird:
- deutliche Reduktion des Kfz-Durchgangsverkehrs (ggf. doch punktuelle Sperren / Einbahnregelungen),
- Tempo 30 strikt durchsetzen,
- klare Vorrangregelung und Gestaltung, die den Radverkehr sichtbar bevorzugt (Markierung, Belag, Querungsstellen).
Nur dann wird aus der Goethestraße eine wirklich sichere und attraktive Fahrradachse im Sinne des beschlossenen Rad-Vorrang-Routenkonzepts.
5. Parkraumkonzept: Beschlüsse kassieren, statt Raum gerechter zu verteilen
Mit dem Antrag zur Aufhebung eines bestehenden Parkraum-Beschlusses will die Koalition ein zentrales Steuerungsinstrument wieder schwächen: das Parkraumkonzept.
Worum es hier politisch geht:
- Ein modernes Parkraummanagement ist Voraussetzung, um begrenzten Straßenraum fair zu verteilen – zwischen Kfz-Stellplätzen, Radwegen, Gehwegen, ÖPNV.
- Wer Beschlüsse zur Neuordnung des Parkraums zurücknimmt, sendet das Signal: Parken bleibt Vorrang, auch wenn dadurch sichere Fuß- und Radwege blockiert werden.
- Ohne klare Regeln beim Parken wird jeder Versuch, Platz für durchgehende Radinfrastruktur zu schaffen, von Beginn an ausgebremst.
Sachlich betrachtet widerspricht dies allen Erkenntnissen aus Verkehrsplanung und Klimaschutz, die eine Reduktion des Kfz-Dauerparkens im Straßenraum empfehlen, um Städte sicherer und lebenswerter zu machen.
In der Rats-Sitzung der Stadt Düren am 17.12.2025 wurden alle von CDU und SPD gestellten Anträge beschlossen
Rad-Vorrang-Routen-Konzept – Überarbeitung 2025-0562
Parkraumkonzept – Aufhebung eines Beschlusses 2025-0563
Goethestraße – Verzicht auf die Einrichtung einer Durchfahrtssperre 2025-0564
Aachener Straße – Neuplanung der Umgestaltung 2025-0566
Auch wie wir, sehen die Grünen Stadt Düren diese Entscheidungen als sehr kritisch:
https://gruene-kreis-dueren.de/2025/12/rauer-wind-im-stadtrat-von-dueren_38504.html
Artikel und Kommentare in der Dürener Zeitung vom 18.12.2025
https://www.aachener-zeitung.de/lokales/region-dueren/dueren/grosse-koalition-kippt-umgestaltung-der-aachener-strasse-und-radkonzept/114658683.html